Ausstellungseröffnung: Gabriele Schulz, „…und er gürtete den Schuh“

51,2 Millionen Flüchtlinge wurden weltweit im Jahr 2013 registriert. 6,5 Millionen Menschen sind derzeit in Syrien auf der Flucht. 1,8 Millionen Menschen im Sudan. In Deutschland wurden 2013 109.580 Asylanträge gestellt und 10.200 Abschiebungen durchgesetzt. Flüchtlinge, Binnenvertriebene, Asylsuchende und Staatenlose: sie alle sind unterwegs, auf der Flucht vor Gewalt und Armut, auf der Suche nach einer neuen Heimat, auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.
Es sind keine Zahlen, keine Statistiken, keine Diagramme, die die Künstlerin Gabriele Schulz in der Galerie des Hagenrings präsentiert, sondern Schuhformen, die jenes Unterwegssein symbolisieren.

gschuh_3gschuh_2Mit großer Fantasie und Sensibilität gelingt es der Künstlerin mit ihren eindringlich-einfach Schuhformen aus Zellulose, die Unterschiedlichkeit der Menschen bildhaft zu machen, jener Menschen, die sich auf dem Weg machen, machen müssen. Es sind große und kleine Schuhe, in bäuerlicher Art wie Holzpantinen geformt, feine Schuhe mit Schnallen und Riemchen, Kinderschuhe. Es sind universelle Zeichen mit individuellem Ausdruck. In jeden Paar Schuhen steckt eine Geschichte, ein Individuum, ein Schicksal, ein Leben. In der Inszenierung symbolisieren sie die menschlichen Wanderbewegungen, Vertreibungen, Umsiedlungen, Abschiebungen, sind Zeichen des Ausreisens, Weggehens, Aufbrechens.

gschuh1Gabriele Schulz‘ Schuhe sind kein „objet trouve“, kein Readymade, keine vorgefundenen Alltagsgegenstände, sondern sie hat die einmalig-autonome Formen im künstlerischen Prozess gestaltet, in der ihr eigenen Arbeitsweise der Zellulose-Papier-Verarbeitung. Hinter der scheinbaren Einfachheit der Objekte verbirgt sich ein komplexer Arbeitsprozess. Die Objekte sind massiv, d.h. durch eine Schichtung von Zellulosemasse aufgebaut, deren Grundstoff aus eingeweichten Tageszeitungen gewonnen wird. Der Zellstoffbrei wird wiederholt aufgetragen, dabei mit Farbpigment versetzt, und dann getrocknet und geschliffen. Ein mitunter langwieriger Vorgang, der Konzentration, Übung, Geduld braucht.

gschuh_4gschuh_5Gabriele Schulz, seit 1985 im Hagenring als Künstlermitglied vertreten, hätte in ihrer Ausstellung eine Auswahl von Arbeiten aus Zellulose, Schiefer, Reisig oder Stein zeigen können, vielleicht gar eine Retrospektive nach 30 Jahren künstlerischen Schaffens, doch sie hat bewusst einen anderen Weg gewählt. Das ist mutig, das ist selbstbewusst, das ist eine skulpturale Aussage. Sie konzentriert sich auf diese Installation mit 45 Paar Schuhobjekten, begleitet zwei Literaturzitaten an der Wand, zum einen aus dem Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ von Bertolt Brecht, zum anderen ein Filmzitat von Edgar Reitz, der mit seiner beeindruckenden Filmreihe Heimat auf den Hunsrück zurückschaut und die Provinz als Ort zeigt, den man nur verlassen kann. Gabriele Schulz lässt uns mit der Offenheit der Installation eine große Interpretationsfreiheit, Raum für eigene Assoziationen, für Gefühle und Geschichten. Betrachter und Raum sind Teil des Werkes.

Auszug aus der Einführung von Dr. Andrea Brockmann

Fotos: Peter Klein

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